Kühlturm eines Kernkraftwerks als Symbol für die Debatte um Atomkraft und Klimaschutz
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Wirtschaft

Atomkraft: Klimaretter oder Risiko? Die ehrliche Analyse

Ist Atomkraft Klimaretter oder Hochrisikotechnologie? Die ehrliche Antwort lautet: weder das eine noch das andere in Reinform. Kernenergie erzeugt im Betrieb nahezu kein CO2, ist über den gesamten Lebenszyklus betrachtet aber teurer, langsamer verfügbar und emissionsintensiver als Wind und Sonne. Gleichzeitig bleiben die Risiken von Reaktorunfällen und das ungelöste Endlagerproblem reale Einwände, die sich nicht wegrechnen lassen.

Kaum ein Energiethema polarisiert in Deutschland so stark wie die Kernkraft. Die einen sehen in ihr die einzige klimafreundliche Grundlasttechnologie, die anderen eine gefährliche Technologie der Vergangenheit. Dieser Artikel ordnet die Debatte datenbasiert ein: mit konkreten Stromgestehungskosten des Fraunhofer ISE, der CO2-Bilanz des Öko-Instituts und dem aktuellen Weltmarkt aus dem World Nuclear Industry Status Report 2025. Wer seinen persönlichen Beitrag leisten und den CO2-Ausstoß verringern möchte, findet dafür am Ende auch einen praktischen Bezug.

Zusammenfassung: Atomkraft zwischen Klimaschutz und Risiko

  • CO2-Bilanz: Atomkraft emittiert laut Öko-Institut rund 68 g CO2 pro kWh, Windkraft an Land nur etwa 10 g, Kohle über 800 g.
  • Kosten: Neuer Atomstrom kostet laut Fraunhofer ISE 13,6 bis 49 Cent pro kWh, Erneuerbare nur 4,1 bis 14,4 Cent.
  • Weltmarkt: Der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung sank von 17,5 Prozent (1996) auf rund 9 Prozent (2025).
  • Risiko: Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima zeigen, dass schwere Unfälle trotz geringer Eintrittswahrscheinlichkeit möglich sind.
  • Endlager: Weltweit existiert bisher kein in Betrieb befindliches Endlager für hochradioaktiven Abfall, Finnland ist am weitesten.

Was ist Atomkraft und wie funktioniert ein Kernkraftwerk?

Atomkraft ist die Nutzung der Energie aus gespaltenen Atomkernen zur Stromerzeugung. Ein Kernkraftwerk wandelt diese Energie über Wärme und Dampf in Elektrizität um und funktioniert dabei ähnlich wie ein klassisches Dampfkraftwerk.

Wie ein Kernkraftwerk aus Kernspaltung Strom macht

Im Reaktorkern eines Kernkraftwerks werden Atomkerne von Uran-235 mit Neutronen beschossen und gespalten. Diese Kernspaltung setzt große Mengen Wärme frei, die Wasser im Primärkreislauf erhitzt. Über einen Wärmetauscher entsteht in einem zweiten Kreislauf Dampf, der eine Turbine antreibt. Die Turbine wiederum koppelt an einen Generator, der elektrischen Strom erzeugt.

Die physikalische Grundlage der Kernspaltung wurde Ende 1938 in Berlin entdeckt: Otto Hahn und Fritz Straßmann führten das Experiment durch, Lise Meitner und Otto Frisch lieferten die theoretische Deutung. Lise Meitner, die als jüdische Wissenschaftlerin vor den Nationalsozialisten fliehen musste, prägte später den Begriff der Kernspaltung und gilt bis heute als eine der wichtigsten Physikerinnen des 20. Jahrhunderts.

Ein moderner Druckwasserreaktor enthält zusätzlich Moderatoren, meist Wasser, die die Neutronen abbremsen, sowie Steuerstäbe, die die Kettenreaktion kontrollieren. Fährt man die Stäbe vollständig ein, stoppt die Spaltung. Die Nachzerfallswärme des Brennstoffs bleibt jedoch noch tagelang bestehen und muss aktiv abgeführt werden, genau hier lag das zentrale Problem bei den großen Reaktorunfällen.

Atomkraft, Kernenergie, Atomenergie: Was die Begriffe bedeuten

Atomkraft, Kernenergie und Atomenergie bezeichnen im Alltag dieselbe Technologie. Fachlich präziser ist der Begriff Kernenergie, weil die Energie im Atomkern und nicht im gesamten Atom steckt. In Gesetzestexten, etwa im deutschen Atomgesetz, dominiert der Begriff Kernenergie, während Medien und öffentliche Debatte überwiegend von Atomkraft sprechen.

Abzugrenzen ist die Kernfusion, die das Verschmelzen leichter Atomkerne nutzt und bisher keinen kommerziellen Strom liefert. Alle 404 weltweit laufenden Reaktoren arbeiten mit Kernspaltung. Auch die diskutierten neuen Reaktorkonzepte, von SMR bis Flüssigsalzreaktor, basieren auf Spaltung und nicht auf Fusion.

Warum die Debatte um Kernenergie neu entbrannt ist

Die Debatte um Kernenergie ist zurück, weil Klimaziele, Energiepreise und Versorgungssicherheit gleichzeitig unter Druck stehen. In mehreren Ländern fordern Politik und Industrie eine Renaissance der Atomkraft.

Der Kontext hat sich gegenüber den 2010er Jahren verändert. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten schmerzhaft sichtbar gemacht. Gleichzeitig steigt der Strombedarf durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Rechenzentren für künstliche Intelligenz. Befürworter argumentieren, dass Erneuerbare allein diese Last nicht zuverlässig tragen können und Kernenergie als klimaneutrale Ergänzung gebraucht werde.

Die globalen Zahlen erzählen allerdings eine andere Geschichte. Laut World Nuclear Industry Status Report 2025 liegt der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung nur noch bei rund 9 Prozent, nach 17,5 Prozent im Jahr 1996. Weltweit sind 404 Reaktoren in Betrieb, ein rückläufiger Trend, während 66 Reaktoren im Bau sind, davon 36 allein in China. Der Ausbau konzentriert sich also stark auf ein einziges Land, während in Europa und Nordamerika mehr Reaktoren stillgelegt als neu angeschlossen werden.

In Deutschland ist die Debatte zusätzlich dadurch geprägt, dass der Ausstieg mit der Abschaltung der letzten drei Atomkraftwerke im April 2023 juristisch und praktisch abgeschlossen ist. Forderungen nach einer Rückkehr müssten daher komplett neue Kraftwerke meinen, keine Wiederinbetriebnahme bestehender Anlagen.

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Definition: Grundlast

Grundlast bezeichnet die Mindestmenge an Strom, die rund um die Uhr im Netz benötigt wird. Kernkraftwerke sind auf konstanten Volllastbetrieb ausgelegt und gelten deshalb klassisch als Grundlastkraftwerke.

Argumente der Befürworter: Was für Atomkraft spricht

Schaubild zur Funktionsweise der Kernspaltung in einem Kernkraftwerk
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Für Atomkraft sprechen vor allem drei Punkte: wetterunabhängige Verfügbarkeit, geringer Flächenbedarf und ein im Kraftwerksbetrieb nahezu CO2-freier Strom. Diese Argumente sind sachlich berechtigt und verdienen eine faire Darstellung.

Die Bewegung, die sich unter dem Slogan „Atomkraft, ja bitte” zusammengefunden hat, verweist zudem auf Länder wie Frankreich und Schweden. Dort stammt ein großer Teil des Stroms aus Kernkraft beziehungsweise einer Kombination aus Kernkraft und Wasserkraft, mit deutlich niedrigeren CO2-Emissionen pro Kilowattstunde als in Deutschland. Auch das Argument der Versorgungssicherheit hat an Gewicht gewonnen: Uran lässt sich über Jahre lagern, Brennstoffvorräte machen unabhängig von kurzfristigen Importketten.

Grundlast, Flächenbedarf und Versorgungssicherheit

Ein Kernkraftwerk liefert rund 90 Prozent der Zeit Strom, unabhängig von Wetter und Tageszeit. Windparks an Land erreichen Auslastungen von etwa 20 bis 30 Prozent, Photovoltaik in Deutschland rund 10 bis 12 Prozent. Für die gleiche zuverlässige Jahresstrommenge müssten Erneuerbare daher deutlich überdimensioniert und mit Speichern kombiniert werden.

Auch der Flächenbedarf spricht für die Kernenergie. Ein Reaktor mit 1.400 Megawatt benötigt wenige Hektar, ein Windpark gleicher Jahresleistung mehrere tausend Hektar Standfläche. Gegner halten dagegen, dass ein erheblicher Teil dieser Fläche landwirtschaftlich weitergenutzt werden kann und die tatsächlich versiegelte Fläche klein bleibt.

Der Anteil der Atomkraft an der weltweiten Stromerzeugung ist von 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf rund 9 Prozent gefallen. Von einer Renaissance kann global keine Rede sein.

World Nuclear Industry Status Report, 2025

Was spricht gegen Atomkraft? Pro und Contra im Überblick

Gegen Atomkraft sprechen das Restrisiko schwerer Unfälle, der ungelöste Umgang mit Atommüll und hohe Kosten. Die folgende Atomkraft Pro Contra Tabelle und die Gegenüberstellung zeigen beide Seiten sachlich.

KriteriumAtomkraftErneuerbare (Wind/Solar)
CO2 pro kWh (Lebenszyklus)ca. 68 gca. 10 bis 40 g
Stromgestehungskosten Neubau13,6 bis 49 Cent/kWh4,1 bis 14,4 Cent/kWh
Verfügbarkeitca. 90 %, planbarwetterabhängig, speicherbedürftig
Bauzeitbis zu 20 JahreMonate bis wenige Jahre
Abfallhochradioaktiv, kein Endlagerrecyclingfähige Materialien
Katastrophenrisikogering, aber existenzgefährdendpraktisch keines

Atommüll: Warum es bisher kein Endlager gibt

Hochradioaktiver Abfall aus Kernkraftwerken strahlt je nach Isotop über zehntausende bis hunderttausende Jahre gefährlich weiter. Ein sicheres Endlager muss diesen Zeitraum geologisch absichern. Weltweit ist bisher kein einziges Endlager für hochradioaktive Abfälle im regulären Betrieb. Finnland steht mit dem Projekt Onkalo kurz vor der Inbetriebnahme und gilt international als Vorreiter.

In Deutschland läuft die Standortsuche seit der Neuausrichtung des Standortauswahlgesetzes erneut, nachdem Gorleben nach jahrzehntelangen Protesten verworfen wurde. Bis dahin verbleibt der Abfall in Zwischenlagern, oft direkt an den stillgelegten Kraftwerksstandorten. Die Kosten für Zwischenlagerung, Endlagersuche und Rückbau der Anlagen tragen in Deutschland weitgehend die Energieversorger über einen staatlichen Fonds, das Risiko von Mehrkosten liegt aber letztlich beim Staat.

Reaktorunfälle von Three Mile Island bis Fukushima

Die Geschichte der kommerziellen Kernenergie kennt drei schwere Unfälle. 1979 kam es in Three Mile Island in den USA zu einer partiellen Kernschmelze, größere Mengen Radioaktivität traten nicht aus. 1986 explodierte in Tschernobyl ein Reaktor sowjetischer Bauart, die Fallout-Wolke kontaminierte weite Teile Europas. 2011 führte ein Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami in Fukushima zu Kernschmelzen in drei Blöcken, ausgelöst durch den Totalausfall der Notkühlung.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Ereignisse ist pro Reaktorjahr statistisch gering. Die Folgen sind jedoch regional verheerend und über Jahrzehnte wirksam, von Evakuierungszonen bis zu Sperrgebieten. Genau diese Asymmetrie zwischen kleiner Wahrscheinlichkeit und extremem Schadensausmaß ist der Kern des Sicherheitsarguments gegen die Atomkraft.

Dafür spricht

  • Wetterunabhängig: rund 90 Prozent Verfügbarkeit, planbarer Grundlaststrom
  • CO2-arm im Betrieb: deutlich klimafreundlicher als Kohle und Gas
  • Wenig Fläche: hohe Leistungsdichte auf wenigen Hektar
  • Brennstoff lagerbar: Uranvorräte für Jahre, unabhängig von Importketten

Dagegen spricht

  • Restrisiko: Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima belegen die Unfallgefahr
  • Atommüll: weltweit kein Endlager in Betrieb, Strahlung über Jahrtausende
  • Kosten: Neubau deutlich teurer als Wind und Solar, laut Fraunhofer ISE
  • Bauzeit: bis zu 20 Jahre, zu langsam für die Klimaziele 2030 und 2045

Wie klimafreundlich ist Atomkraft wirklich? Die CO2-Bilanz

Stromgestehungskosten von Atomkraft im Vergleich zu Windkraft und Photovoltaik
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Atomkraft ist klimafreundlicher als jede fossile Technologie, aber nicht CO2-frei und deutlich emissionsintensiver als Windkraft. Das zeigt die vollständige Lebenszyklusbilanz.

Im Reaktorbetrieb selbst entsteht praktisch kein CO2. Die Emissionen fallen an anderen Stellen an: Uran muss abgebaut, angereichert und transportiert werden, das Kraftwerk aus Beton und Stahl gebaut und am Ende über Jahrzehnte rückgebaut werden. Laut Faktencheck des Öko-Instituts summieren sich diese Emissionen auf rund 68 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Windkraft an Land liegt bei etwa 10 Gramm pro Kilowattstunde.

68 g
CO2 pro kWh Atomkraft (Lebenszyklus, Öko-Institut)
10 g
CO2 pro kWh Windkraft an Land
9 %
Anteil der Atomkraft am Weltstrom 2025
404
Reaktoren weltweit in Betrieb, rückläufig

Für die Klimabilanz zählt aber nicht nur die Emissionsmenge, sondern auch die Geschwindigkeit der Einsparung. Ein Windpark steht nach ein bis zwei Jahren und spart ab dann CO2. Ein neues Kernkraftwerk bindet dagegen für bis zu 20 Jahre Ressourcen und liefert erst danach klimafreundlichen Strom. In der entscheidenden Dekade bis 2035, in der die Emissionen des Stromsektors stark sinken müssen, kann Neubau von Atomkraft daher rechnerisch kaum beitragen.

Hinzu kommt der Mengeneffekt. Der deutsche Stromsektor emittiert mehrere hundert Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Selbst ein Verbleib der letzten drei Reaktoren am Netz hätte nur einen einstelligen Prozentbereich dieser Emissionen vermieden, ohne die Struktur des Systems zu verändern.

Atomkraft Kosten pro kWh: Der wirtschaftliche Realitätscheck

Neuer Atomstrom kostet 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde und ist damit zwei- bis zehnmal so teuer wie Strom aus neuen Wind- und Solaranlagen. Das ist das Ergebnis der aktuellen Studie zu Stromgestehungskosten.

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Definition: Stromgestehungskosten (LCOE)

Die Levelized Cost of Electricity geben an, was eine Kilowattstunde Strom über die gesamte Lebensdauer einer Anlage kostet, inklusive Bau, Betrieb, Brennstoff, Finanzierung und Rückbau. Sie sind der Standardmaßstab für den wirtschaftlichen Vergleich von Erzeugungstechnologien.

Atomstrom, Wind und Solar im direkten Kostenvergleich

Die Studie des Fraunhofer ISE beziffert die Stromgestehungskosten neuer Kernkraftwerke auf 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde. Photovoltaik und Windkraft liegen demnach bei 4,1 bis 14,4 Cent pro Kilowattstunde. Selbst unter dem optimistischsten Annahmen für Atomkraft bleibt sie damit teurer als das obere Ende der Erneuerbaren. Das Umweltbundesamt nennt für aktuelle europäische Neubauprojekte Stromkosten von 15 bis 19 Cent pro Kilowattstunde bei Bauzeiten von bis zu 20 Jahren.

Die Praxis bestätigt diese Größenordnung. Das britische Projekt Hinkley Point C hat sich gegenüber der Planung massiv verteuert und verspätet, der finnische Reaktor Olkiluoto 3 ging mit über einem Jahrzehnt Verspätung ans Netz. Ein fairer Einwand der Befürworter lautet, dass Erneuerbare Zusatzkosten für Speicher und Netze verursachen, die in den reinen Gestehungskosten nicht enthalten sind. Untersuchungen zu Gesamtsystemkosten zeigen aber auch, dass ein System mit hohem Erneuerbaren-Anteil plus Speicherung günstiger bleibt als ein Neubaupfad mit Atomkraft.

Wer die Systemfrage weiterdenkt, stößt auf künftige Flexibilitätsoptionen wie weißen Wasserstoff, der natürlich vorkommt und perspektivisch Speicherung und Industrieanwendungen ergänzen könnte, ohne neue Kraftwerke zu benötigen.

Können SMR und neue Reaktortypen die Lücke schließen?

Small Modular Reactors und Flüssigsalzreaktoren könnten theoretisch Kosten und Bauzeiten senken, sind aber bisher nicht kommerziell erprobt. Belastbare Serienfertigung existiert bislang nicht.

Die Idee hinter SMR klingt überzeugend: kleinere Reaktoren mit 50 bis 300 Megawatt, industriell vorgefertigt und modular kombinierbar. Serienfertigung soll die Kosten drücken, passive Sicherheitssysteme sollen Unfälle physikalisch ausschließen. Flüssigsalzreaktoren gehen noch weiter und versprechen, bestehenden Atommüll als Brennstoff zu nutzen.

Die Realität bleibt hinter den Ankündigungen zurück. Das prominenteste westliche SMR-Projekt, NuScale in den USA, wurde 2023 nach Kostensteigerungen von über 70 Prozent eingestellt, bevor der Bau überhaupt begann. In China und Russland existieren einzelne Demonstrationsanlagen, eine wettbewerbsfähige Serienproduktion gibt es nirgends. Experten erwarten frühestens in den 2030er Jahren erste kommerzielle Einheiten in nennenswerter Stückzahl, mit ungewissen Kosten.

Bill Gates, Atomkraft und die Frage der Marktreife

Der bekannteste private Investor in diesem Feld ist Bill Gates. Seine Firma TerraPower entwickelt einen natriumgekühlten Reaktor und hat in Wyoming eine Demonstrationsanlage begonnen. Gates argumentiert, dass Klimaschutz ohne Kernenergie schwerer werde und investiert zweistellige Milliardenbeträge in die Entwicklung.

Das Engagement zeigt zweierlei. Einerseits glauben ernsthafte Investoren an das Potenzial neuer Reaktorkonzepte. Andererseits unterstreicht gerade der Kapitalbedarf das Grundproblem: Selbst mit Milliarden und politischer Rückendeckung dauert es von der ersten Anlage bis zur wirtschaftlichen Serienreife Jahrzehnte. Für die deutsche Klimapolitik bis 2045 kommt diese Option rechnerisch zu spät.

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Wichtig einzuordnen

SMR und Flüssigsalzreaktoren sind Konzepte im Entwicklungs- oder Demonstrationsstadium. Ihre versprochenen Vorteile bei Kosten, Sicherheit und Abfall beruhen auf Modellrechnungen, nicht auf langjährigem kommerziellem Betrieb. Entscheidungen für die Energiewende der nächsten zehn Jahre können darauf keine Grundlage haben.

Atomausstieg Deutschland: Chronologie einer Entscheidung

Deutschland ist am 15. April 2023 mit der Abschaltung der letzten drei Atomkraftwerke endgültig aus der Kernenergie ausgestiegen. Die Entscheidung hat eine über 20 Jahre lange politische und gesellschaftliche Vorgeschichte.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung gehörte seit den 1970er Jahren zu den einflussreichsten Protestbewegungen der Bundesrepublik, von den Demonstrationen gegen das Kernkraftwerk Wyhl bis zu den Castor-Protesten um Gorleben. Politisch führte dieser Druck 2002 zur ersten Änderung des Atomgesetzes unter der rot-grünen Bundesregierung, die den schrittweisen Ausstieg festschrieb. 2010 verlängerte die schwarz-gelbe Regierung die Laufzeiten wieder, bevor die Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 die endgültige Kehrtwende auslöste.

1

2002: Erstes Ausstiegsgesetz

Änderung des Atomgesetzes unter Rot-Grün, schrittweiser Ausstieg bis Anfang der 2020er beschlossen.

2

2010: Laufzeitverlängerung

Schwarz-Gelb verlängert die Restlaufzeiten der Atomkraftwerke in Deutschland um bis zu 14 Jahre.

3

2011: Fukushima und Kehrtwende

Nach der Katastrophe in Japan beschließt der Bundestag erneut den Ausstieg, acht Reaktoren gehen sofort vom Netz.

2023: Abschaltung

Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland fahren am 15. April 2023 endgültig herunter.

Damit ist die Frage in Deutschland nicht mehr, ob bestehende Reaktoren weiterlaufen, sondern ob völlig neue gebaut werden sollen. Angesichts von Bauzeiten bis zu 20 Jahren und der Kostenlage wäre ein solcher Neustart frühestens in den 2040er Jahren wirksam, also nach dem Zieljahr für Klimaneutralität. Konkrete Klimaschritte sind in der Zwischenzeit vor allem dezentral möglich, etwa über ein eigenes Balkonkraftwerk am Stromnetz des Haushalts.

Fazit: Was sich aus den Daten ehrlich ableiten lässt

Atomkraft ist weder der Klimaretter, als der sie beworben wird, noch das alleinige Übel der Energiepolitik. Die Daten zeigen eine klimafreundlichere, aber teurere und langsamere Technologie mit ungelösten Restproblemen.

Drei Erkenntnisse lassen sich belastbar festhalten. Erstens ist Kernenergie im Lebenszyklus mit rund 68 Gramm CO2 pro Kilowattstunde deutlich sauberer als fossile Energien, aber schlechter als Wind und Sonne. Zweitens ist neuer Atomstrom mit 13,6 bis 49 Cent pro Kilowattstunde die teuerste verfügbare Erzeugungsoption, wie das Fraunhofer ISE belegt. Drittens sind die neuen Reaktorkonzepte, auf die Befürworter setzen, noch nicht marktreif und kommen für die Klimaziele der nächsten zwei Jahrzehnte zu spät.

Für Deutschland ist die Richtung damit klar: Der Ausstieg ist vollzogen, und die Investitionskraft fließt ökonomisch sinnvoller in Erneuerbare, Netze und Speicher. International bleibt die Debatte berechtigt, Länder mit bestehender Kerninfrastruktur stehen vor anderen Abwägungen. Ehrlichkeit gebietet beides anzuerkennen: die realen Stärken der Technologie und ihre ebenso realen Grenzen.

Auf einen Blick: Die Datenlage zur Atomkraft

CO2-Bilanz besser als fossile Energien, schlechter als Wind und Solar (Öko-Institut)
Kosten für Neubau zwei- bis zehnmal höher als Erneuerbare (Fraunhofer ISE)
Bauzeiten bis zu 20 Jahre, zu langsam für Klimaziele 2030 und 2045
Weltweit kein Endlager für Atommüll in Betrieb, Finnland als Vorreiter
SMR und neue Reaktortypen: Marktreife nicht vor den 2030er Jahren, Kosten ungewiss

Fragen & Antworten

Häufig gestellte Fragen

Atomkraft nutzt die Kernspaltung von Uran-235. Bei der Spaltung entsteht Wärme, die Wasser zu Dampf erhitzt. Der Dampf treibt Turbinen an, die über Generatoren elektrischen Strom erzeugen. Ein Kernkraftwerk funktioniert damit grundsätzlich wie ein konventionelles Dampfkraftwerk, nur dass die Hitze aus Atomkernen statt aus Kohle oder Gas kommt.

Laut Faktencheck des Öko-Instituts verursacht Kernenergie über den gesamten Lebenszyklus rund 68 Gramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde, inklusive Uranabbau, Anlagenbau und Rückbau. Zum Vergleich: Windkraft an Land liegt bei etwa 10 Gramm pro Kilowattstunde. Atomkraft ist also klimafreundlicher als Kohle, aber deutlich emissionsintensiver als Erneuerbare.

Nach der Studie zu Stromgestehungskosten des Fraunhofer ISE liegen die Kosten für neuen Atomstrom bei 13,6 bis 49,0 Cent pro Kilowattstunde. Photovoltaik und Windkraft kommen auf 4,1 bis 14,4 Cent pro Kilowattstunde. Neuer Atomstrom ist damit im schlechtesten Fall mehr als zehnmal so teuer wie Erneuerbare.

Genehmigungsverfahren, hohe Sicherheitsauflagen und komplexe Finanzierung führen laut Umweltbundesamt zu Bauzeiten von bis zu 20 Jahren. Europäische Neubauprojekte wie Hinkley Point C in Großbritannien zeigen zudem regelmäßig Verzögerungen und massive Kostensteigerungen gegenüber der ursprünglichen Planung.

Neue Konzepte wie Small Modular Reactors oder Flüssigsalzreaktoren versprechen inhärente Sicherheit und weniger Abfall. Diese Versprechen stammen jedoch überwiegend aus Modellrechnungen und Pilotanlagen. Kommerziell erprobt im großen Maßstab ist bisher keines dieser Konzepte, belastbare Langzeiterfahrungen fehlen.

Bisher ist nur Finnland mit dem Endlager Onkalo kurz vor dem regulären Betrieb für hochradioaktive Abfälle. Alle anderen Länder, einschließlich Deutschland, lagern Atommüll in Zwischenlagern. Die deutsche Standortsuche läuft noch, ein fertiggestelltes Endlager existiert hierzulande nicht.

Rechnerisch hätte ein Weiterbetrieb der letzten drei deutschen Reaktoren die CO2-Emissionen des Stromsektors vorübergehend gedämpft. Der Anteil war jedoch zu klein, um den nötigen Ausbau der Erneuerbaren zu ersetzen. Die Klimaziele des Stromsektors lassen sich nur über Wind, Solar und Netzausbau erreichen.

Quellen

MT

Michael Törner

Gründer von Nachhaltigkeit mit Kopf

Ich bin Michael — Gründer von Nachhaltigkeit mit Kopf. Hier teile ich fundiertes Wissen rund um nachhaltige Ernährung, bewussten Konsum, grüne Finanzen und umweltfreundliches Leben — immer fundiert und verständlich aufbereitet.

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