Mikroplastik in Glasflaschen: Was die Studien sagen
Glasflaschen mit Kronkorken enthalten laut einer 2025 veröffentlichten Studie der französischen Behörde ANSES durchschnittlich 5- bis 50-mal mehr Mikroplastik als dieselben Getränke aus PET-Flaschen oder Getränkekartons. Dieser Befund widerspricht der weit verbreiteten Annahme, Glas sei automatisch die plastikfreie Alternative. Die Ursache liegt nicht im Glas selbst, sondern in der Innenbeschichtung des Kronkorkens.
Das Thema Mikroplastik in Glasflaschen hat 2025 für Aufsehen gesorgt, weil viele Verbraucher gezielt zu Glas greifen, um Plastik zu vermeiden. Der folgende Überblick fasst zusammen, was die aktuelle Studienlage zeigt, welche Getränke am stärksten belastet sind und welche Alternativen sich aus der Forschung ableiten lassen.
Zusammenfassung: Mikroplastik in Glasflaschen
- ANSES-Studie 2025 wies in Limonade, Eistee, Bier und Wasser aus Glasflaschen durchschnittlich 100 Mikroplastik-Partikel pro Liter nach – bis zu 50-mal mehr als in PET-Flaschen.
- Ursache ist der Kronkorken, dessen plastikhaltige Innenbeschichtung beim Verschließen Partikel abreibt – nicht das Glas selbst.
- Wein in Glasflaschen war kaum belastet, weil hier andere Verschlüsse genutzt werden.
- Reinigung der Kronkorken reduzierte die Belastung im Folgeversuch um rund 60 Prozent.
- Leitungswasser, Drahtbügel- und Schraubverschlüsse gelten laut aktueller Datenlage als Alternativen mit geringerer Mikroplastikbelastung.
Die ANSES-Studie: Was die Forscher untersucht haben
Die französische Behörde für Lebensmittelsicherheit ANSES veröffentlichte im Juni 2025 eine Untersuchung, die in Boulogne-sur-Mer durchgeführt wurde. Das Forschungsteam analysierte verschiedene Getränke in unterschiedlichen Verpackungen auf den Gehalt an Mikroplastik-Partikeln. Untersucht wurden Wasser, Limonade, Eistee, Bier und Wein – jeweils in Glasflaschen, PET-Flaschen, Aluminiumdosen und Getränkekartons.
Das Ergebnis überraschte das Forschungsteam selbst: Glasflaschen mit Kronkorken enthielten im Schnitt etwa 100 Mikroplastik-Partikel pro Liter. PET-Flaschen und Getränkekartons lagen dagegen bei 5 bis 20 Partikeln pro Liter. Damit waren Glasflaschen je nach Getränk 5- bis 50-mal stärker belastet als Plastikflaschen.
Welche Methodik verwendet wurde
Die Partikel wurden über Filterverfahren isoliert und unter dem Mikroskop sowie mit Infrarotspektroskopie identifiziert. Diese Methode erlaubt eine genaue Bestimmung der Polymertypen, sodass die Forscher die Partikel den jeweiligen Materialquellen zuordnen konnten. Genau dieser Schritt führte zur entscheidenden Erkenntnis über die Herkunft der Belastung.
Als Mikroplastik gelten laut Umweltbundesamt feste Kunststoffpartikel mit einer Größe von unter 5 Millimetern. Nanoplastik bezeichnet Partikel unter 1 Mikrometer. Beide entstehen entweder gezielt in Produkten (primäres Mikroplastik) oder durch Zerfall größerer Kunststoffteile (sekundäres Mikroplastik).
Warum Glasflaschen mehr Mikroplastik enthalten als Plastikflaschen
Die zentrale Erkenntnis der Studie betrifft nicht das Glas, sondern den Verschluss. Kronkorken bestehen aus Metall, sind innen jedoch mit einer Kunststoffschicht ausgekleidet, die das Getränk vor Korrosion und Geschmacksveränderungen schützt. Diese Innenbeschichtung besteht typischerweise aus Polyethylen oder vergleichbaren Polymeren.
Beim Lagern und Transportieren reiben die Kronkorken in den Sortier- und Abfüllanlagen aneinander. Dabei entstehen winzige Lackpartikel auf der Innenseite, die beim späteren Verschließen der Flasche in das Getränk gelangen können. Die spektroskopische Analyse der Partikel in den belasteten Getränken ergab eine direkte Übereinstimmung mit dem Material der Kronkorken-Innenbeschichtung.
Wein als Ausnahme bestätigt die Hypothese
Wein in Glasflaschen wies in der ANSES-Studie nur geringe Mikroplastik-Werte auf. Der Grund: Weinflaschen werden überwiegend mit Naturkorken, Schraubverschlüssen oder Plastikstopfen versehen – nicht mit Kronkorken. Diese Differenzierung stützt die Schlussfolgerung, dass der Kronkorken und nicht die Glasflasche selbst die Hauptquelle der Belastung ist.
Kronkorken-Innenbeschichtungen bestehen meist aus Polyethylen, PVC oder Polyester. Auch Schraubverschlüsse aus Aluminium haben eine Kunststoffeinlage, allerdings mit geringerer Reibfläche. Drahtbügelverschlüsse mit Keramikstopfen und Gummidichtung enthalten ebenfalls Kunststoffanteile, jedoch in deutlich kleinerer Materialmenge.

Belastung im Vergleich: Welche Verpackung schneidet wie ab
Die Studie liefert konkrete Mittelwerte für verschiedene Verpackungsarten. Diese erlauben eine differenzierte Bewertung, die über die einfache Gleichsetzung „Glas gut, Plastik schlecht” hinausgeht.
| Verpackung | Mikroplastik-Partikel pro Liter (Mittelwert) | Hauptquelle |
|---|---|---|
| Glasflasche mit Kronkorken | ca. 100 | Innenbeschichtung Kronkorken |
| PET-Einwegflasche | 5–20 | Flaschenmaterial, Verschluss |
| Getränkekarton | 5–10 | Innenbeschichtung, Verschluss |
| Aluminiumdose | 5–15 | Innenbeschichtung |
| Glasflasche mit Schraubverschluss | deutlich unter 100 | Verschlussdichtung |
| Wein in Glasflasche | sehr gering | Naturkork/Schraubverschluss |
Welches Getränk in Glasflaschen am stärksten belastet ist
Innerhalb der Glasflaschen mit Kronkorken zeigten Limonade, Eistee und Bier die höchsten Werte. Mineralwasser in Glasflaschen lag im mittleren Bereich. Die Belastungsunterschiede zwischen den Getränken werden vermutlich durch Lagerzeit, Säuregehalt und Temperatur beeinflusst, doch dazu sind weitere Studien nötig.
Die ANSES-Studie untersuchte Stichproben aus dem französischen Markt. Eine direkte Übertragbarkeit auf alle deutschen Abfüllbetriebe ist nicht automatisch gegeben, da Kronkorken-Beschichtungen je nach Hersteller variieren können. Die grundlegende Erkenntnis zum Verschluss als Hauptquelle gilt jedoch als belastbar.
Lassen sich die Werte reduzieren?
Die ANSES-Forscher führten einen Folgeversuch durch, um zu prüfen, ob sich die Mikroplastikbelastung senken lässt. Sie reinigten die Kronkorken vor dem Verschließen mit Druckluft und Alkohol, um die abgeriebenen Lackpartikel zu entfernen. Das Ergebnis: Die Mikroplastikbelastung im Getränk sank um rund 60 Prozent.
Diese Erkenntnis ist für Abfüllbetriebe technisch relevant, weil sie zeigt, dass ein zusätzlicher Reinigungsschritt im Produktionsprozess die Belastung deutlich reduzieren kann. Eine flächendeckende Umsetzung erfordert allerdings Anpassungen in der industriellen Abfüllung, die Zeit und Investitionen brauchen.
Wer die persönliche Mikroplastik-Aufnahme über Getränke reduzieren möchte, kann gefiltertes Leitungswasser nutzen, Glasflaschen mit Drahtbügel- oder Schraubverschluss bevorzugen oder eine eigene Edelstahl-Trinkflasche verwenden. Ein einfaches Ausspülen gekaufter Glasflaschen vor dem Öffnen reduziert die Belastung nicht spürbar, da die Partikel im Getränk selbst gelöst sind.
Gesundheitliche Bewertung: Was die Behörden sagen
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung stuft eine akute gesundheitliche Gefährdung durch Mikroplastik aktuell als nicht belegt ein. Gleichzeitig betont es den hohen Forschungsbedarf, insbesondere zu Langzeitwirkungen, Effekten auf das Hormonsystem und möglichen Entzündungsreaktionen im Darm.
Mikroplastik wurde in den vergangenen Jahren in menschlichem Blut, Lungengewebe, Plazenta und Stuhl nachgewiesen. Die biologische Bedeutung dieser Funde ist Gegenstand laufender Forschung. Klar ist: Eine vorsorgliche Reduktion der Aufnahme gilt als sinnvoll, auch wenn konkrete Grenzwerte für gesundheitliche Effekte derzeit fehlen.
Hauptquellen der täglichen Mikroplastik-Aufnahme
Glasflaschen mit Kronkorken sind nur eine von vielen Quellen. Die durchschnittliche Aufnahme verteilt sich auf zahlreiche Eintragspfade.
Getränke
Mineralwasser, Limonade, Eistee – je nach Verpackung 5 bis 100 Partikel pro Liter
Meeresfrüchte
Muscheln, Garnelen, Fischmagen-Inhalte können Mikroplastik enthalten
Raumluft
Abrieb aus Synthetik-Textilien und Hausstaub
Reifenabrieb
Größte Einzelquelle in Außenluft und Boden in Deutschland
Alternativen mit niedrigerer Belastung
Die Studienlage erlaubt klare Schlussfolgerungen, welche Verpackungs- und Trinkalternativen die Mikroplastik-Aufnahme reduzieren können. Wichtig ist dabei, nicht reflexhaft zu PET zu wechseln, sondern die jeweilige Quelle der Belastung im Blick zu behalten.
Empfehlenswert
- Gefiltertes Leitungswasser (Aktivkohle- oder Umkehrosmosefilter)
- Glasflaschen mit Drahtbügelverschluss oder Schraubverschluss
- Mehrweg-Edelstahlflaschen ohne Kunststoff-Innenbeschichtung
- Wein in Glasflaschen mit Naturkork
Eher zu vermeiden
- Glasflaschen mit Kronkorken bei häufigem Konsum
- PET-Flaschen mit langer Lagerung in der Wärme
- Trinkflaschen mit innenliegenden Kunststoff-Beschichtungen
- Einweg-Plastikbecher und beschichtete To-go-Becher
Leitungswasser als Basisempfehlung
Deutsches Leitungswasser unterliegt der Trinkwasserverordnung und gehört laut Umweltbundesamt zu den am strengsten kontrollierten Lebensmitteln. Studien zeigen für deutsches Leitungswasser durchschnittlich deutlich niedrigere Mikroplastik-Werte als für abgefülltes Mineralwasser. Ein Aktivkohlefilter kann die Restbelastung weiter reduzieren.
Eine Edelstahl-Trinkflasche ohne Kunststoffinnenbeschichtung ergänzt diese Lösung sinnvoll. Wer auf Mineralwasser nicht verzichten möchte, findet in Mehrweg-Glasflaschen mit Drahtbügelverschluss eine vergleichsweise mikroplastikarme Variante.

Schritte zur Reduktion der eigenen Mikroplastik-Aufnahme
Verschluss prüfen
Bei Glasflaschen auf Drahtbügel- oder Schraubverschluss achten, Kronkorken meiden
Auf Leitungswasser umstellen
Für den Alltagsbedarf gefiltertes Leitungswasser nutzen
Mehrweg-Flasche wählen
Edelstahl-Trinkflasche ohne Innenbeschichtung verwenden
Konsum hinterfragen
Bei häufigem Konsum von Limonade und Bier in Kronkorken-Flaschen Alternativen prüfen
Nachhaltigkeit jenseits der Mikroplastik-Frage
Bei der Bewertung von Glas- und Plastikflaschen spielt nicht nur Mikroplastik eine Rolle, sondern auch die Gesamtumweltbilanz. Mehrweg-Glasflaschen schneiden in der Ökobilanz typischerweise besser ab als Einweg-PET-Flaschen, sofern sie regional abgefüllt und mehrfach wiederbefüllt werden. Lange Transportwege und niedrige Umlaufzahlen können diesen Vorteil jedoch zunichtemachen.
Wer Nachhaltigkeit ganzheitlich denkt, kombiniert mehrere Aspekte. Eine Reduktion von Verpackungsabfall durch Leitungswasser und Mehrweg-Flaschen senkt den ökologischen Fußabdruck und kann gleichzeitig die persönliche Mikroplastik-Aufnahme verringern. Weitere praktische Hebel finden sich in der Übersicht zu Zero-Waste-Strategien im Alltag sowie zu konkreten Maßnahmen zur Senkung des CO₂-Ausstoßes. Für Verbraucher, die bewusster einkaufen möchten, bietet auch der Beitrag zu nachhaltigem Einkaufen konkrete Anhaltspunkte.
✅ Checkliste: Mikroplastik im Alltag reduzieren
Fazit
Mikroplastik in Glasflaschen ist ein reales Phänomen, das mit der ANSES-Studie 2025 erstmals systematisch belegt wurde. Glasflaschen mit Kronkorken enthalten je nach Getränk 5- bis 50-mal mehr Mikroplastik als PET-Flaschen oder Getränkekartons – die Hauptursache liegt in der Innenbeschichtung des Kronkorkens, nicht im Glas selbst. Wein in Glasflaschen, Schraubverschlüsse und Drahtbügelverschlüsse schneiden deutlich besser ab.
Für den Alltag ergibt sich daraus eine differenzierte Empfehlung: Glas bleibt aus ökologischer Sicht eine sinnvolle Mehrweg-Option, doch die pauschale Annahme „Glas ist plastikfrei” trifft nicht zu. Wer Mikroplastik konsequent reduzieren möchte, setzt auf gefiltertes Leitungswasser, Edelstahl-Trinkflaschen und Glasflaschen mit Bügel- oder Schraubverschluss. Die ANSES-Forschung zeigt zudem, dass eine industrielle Reinigung der Kronkorken die Belastung um rund 60 Prozent senken könnte – ein konkreter Hebel für Abfüllbetriebe.
Mikroplastik in Glasflaschen entsteht durch Kronkorken, nicht durch das Glas. Drahtbügel-, Schraubverschluss und gefiltertes Leitungswasser sind die belegt mikroplastikärmeren Alternativen.
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Michael Törner
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